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Im Interview: Autor Ralph Stieber

„How to survive Scheissjobs“

Ein Beitrag von Meike Kühlkamp

Weil wir immer mehr wollen, haben wir es immer schwerer. Generation Y gibt sich nur mit dem Maximum an Selbsterfüllung zufrieden und das führt manchmal genau dazu, dass sie beruflich im Dunkeln tappt. In seinem neuen Buch schreibt Ralph Stieber über die „Scheissjobs“ dieser Welt, wie man sie überlebt und wie man letztendlich doch noch ans eigentliche Ziel kommen kann. Ein Buch über den unzähmbaren Willen, seinen persönlichen Traumjob zu finden und darüber, Umwege als solche zu nehmen und nicht in einer ziellosen Sackgasse zu enden. Bei uns im Interview will er andere motivieren, die vielleicht in einer genauso ziellosen Phase stecken.

Welcher Gedanke hat Sie während ihrer „Scheissjobs“ immer vorangetrieben? Hatten Sie ein ganz spezielles Vorbild, dem Sie nachgeeifert sind?ralph-stieber

Es gab Phasen, in denen ich ausschließlich Scheissjobs gemacht habe und es gab Phasen, in denen ich Scheissjobs neben dem Studium machen musste. Als ich z.B. Schauspiel studiert habe, waren meine Vorbilder Robert De Niro, James Dean und Johnny Depp, die vorher auch so einige Scheissjobs machen mussten. Die in ihren Bruchbuden hockten, die Miete nicht zahlen konnten und kaum Geld hatten, um sich jeden Tag eine Mahlzeit zu leisten. Dann bekamen sie ihre Chance und wurden erfolgreiche Schauspieler. Oder nehmen wir Gerard Depardieu. Er hat so ziemlich jeden Scheissjob gemacht, den man machen kann – das erzähle ich auch in meinem aktuellen Buch: Er hat eine Druckerlehre angefangen und wieder abgebrochen, war Stricher, Dieb und Schmuggler und hat sogar Leichen ausgegraben, um deren Schmuck zu stehlen. Dann wurde er auf den Straßen von Paris von einem Regisseur entdeckt, der gerade seinen nächsten Film vorbereitete – und hat ihn besetzt.

Soweit wie Depardieu sollte man nicht unbedingt gehen, aber er ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch der größte Scheissjob zum Traumjob führen kann. Gwen Stefanie hat nachts Böden in Fast Food Restaurants geputzt, dabei hatte sie immer Kopfhörer auf und hat mitgesungen. So hat sie ihre Stimme trainiert und ihren Gesang perfektioniert und dabei ganz automatisch ihren Scheissjob für ihre spätere Karriere genutzt und ihn so erträglich gemacht. All diese Persönlichkeiten mussten früher Scheissjobs machen und es waren die Scheissjobs, die sie dahin gebracht haben, wo sie heute sind.

Sind Sie heute an dem Punkt, an dem Sie immer sein wollten, oder ist der Titel Schriftsteller auch nur ein vorübergehender?

Schriftsteller wollte ich schon sein, bevor es mir selbst klar war, noch bevor ich überhaupt wusste was ein Schriftsteller ist. Das erste Mal, als ich gemerkt habe, dass das Schreiben was mit mir macht, war bei einem Aufsatz in der Schule. Da war ich elf oder zwölf. Wir sollten eine Geschichte über die letzten Sommerferien schreiben. Als alle anderen schon in der Pause waren, saß ich immer noch da und füllte ein Blatt nach dem anderen. Später hatte ich zwanzig Seiten voll, war völlig fertig – aber auch total euphorisch.

Auch später habe ich neben den Scheissjobs geschrieben, am Abend oder mitten in der Nacht, wenn ich von einer Schicht in der Bar oder dem Restaurant nach Hause kam. Auch in meiner Zeit als Schauspieler habe ich Theaterstücke und Drehbücher geschrieben, die Geschichten und Rollen, die ich gerne spielen wollte. Außer in meiner Zeit als Werbetexter, da habe ich sieben Jahre lang nicht geschrieben – das hat mir die letzte kreative Energie geraubt, mich so ausgelaugt, dass das kreativste, wozu ich noch in der Lage war, das Öffnen eines Bieres war. Nach der Werbung lief es wieder. Das Schreiben war also immer da, auch wenn es dazwischen viele Scheissjobs und andere Berufe gab. Aber alles was ich gemacht habe, führte zum Schreiben.

Und ohne diese Scheissjobs hätte ich das Buch nicht schreiben können. Also hat es wohl auch bei mir geklappt: Vom Scheissjob zum Traumjob.

Wenn Sie es heute besser wüssten: Welchen Weg wären Sie dann gegangen? Auch den voller Umwege oder doch lieber den direkten?

Klar gibt es Momente, in denen ich denke: Hätte ich mich doch früher aufs Schreiben konzentriert und hätte es früh studiert, in Leipzig oder Hildesheim. Dann hätte ich schon mehr Bücher geschrieben, hätte keine Zeit verschwendet, aber dann denke ich: Quatsch, dann wärst du auch ein anderer Mensch, hättest all‘ die Erfahrungen nicht gemacht, nicht all die Menschen kennengelernt, nicht all die verrückten Geschichten gehört –  in den Bars, in den Küchen.

Was hätte ich dann erlebt? Vielleicht auch ’ne Menge, vielleicht aber auch nicht. All‘ die Scheissjobs sind meine Lebenserfahrung. So scheiße, krass und anstrengend sie manchmal waren, so viel hab ich dabei auch gelernt. Auch über Menschen. Man lernt die verschiedensten Menschen dabei kennen: schräge, witzige, gute und schlechte Menschen, gescheiterte Existenzen und Menschen, die dich bereichern können, mit einem Spruch, einer Lebensweisheit oder einem schlauen Gedanken. Das war die beste Schule. Hätte ich all‘ das nicht gehabt, könnte ich heute nicht davon erzählen. Und das ist es ja, was ein guter Schriftsteller macht: Geschichten erzählen. Davon gibt es in der Welt der Scheissjobs jede Menge.

Wenn Sie damals jemand gefragt hat, was Sie beruflich machen, wie haben Sie reagiert? Ganz selbstverständlich geantwortet oder haben Sie versucht sich zu rechtfertigen für das, was Sie tun?

Ich hab es natürlich oft damit gerechtfertigt, dass es entweder nur nebenbei ist, also neben dem Studium oder nur vorübergehend ist, bis ich weiß, was ich machen will und einen anderen Job finde. Ich war nicht stolz auf die Jobs. Heute hätte ich sogar wieder Lust eine zeitlang in einen „Scheissjob“ einzutauchen, in der Küche zu arbeiten oder so und dann darüber zu schreiben. Die Leute in diesen Jobs haben mehr zu erzählen, als der gutverdienende Typ in der Bank oder bei der Versicherung oder in der Werbung. In der Welt der Scheissjobs gibt es definitiv oft die interessanteren Menschen. Heute bin ich stolz auf meine Scheissjobs.

Was denken Sie, war der Hauptgrund für Ihren holprigen Lebenslauf und was würden Sie jungen Leuten raten, die schneller ans Ziel kommen wollen?

Der Hauptgrund war wohl der, dass ich immer auf der Suche nach meiner Bestimmung war, was gut und schlecht ist. Gut, weil man sich nicht einfach für die erste Karriere entscheidet, um dann zehn oder zwanzig Jahre später festzustellen, dass man zwar die Miete zahlen kann, aber trotzdem todunglücklich und vom eigenen Leben gelangweilt ist. Schlecht, weil man natürlich auch Zeit verschwendet und man in Scheissjobs auch stecken bleiben kann, wenn man nie herausfindet, was man eigentlich machen oder werden will.

Dann wird man älter und älter und ist dann irgendwann zu alt für eine neue Ausbildung, ein Studium oder eine Veränderung und bleibt bei Mc Donald’s oder in der Küche als Hilfskoch oder was auch immer und kommt da nicht mehr raus. Aber egal wie, auch diese Jobs können glücklich machen. Die Frage ist nur: Bist du zufrieden mit deinem Leben? Wenn dir das Burger wenden bei Burger King, das Reifenwechseln in der Werkstatt oder das Schälen der Kartoffeln in der Küche nichts ausmacht, du genug verdienst, um dir ein gutes Leben zu gestalten, das dir reicht – wunderbar. Was will man mehr. Darum geht’s ja schließlich im Leben: Glücklich und zufrieden sein.

Jahrelang Scheissjobs ausüben: Mutiger Querdenker oder orientierungsloser Unerfahrener?

Es gibt Leute, die machen ihr ganzes Leben lang Scheissjobs, ohne aufzusteigen oder auszusteigen. Sie können sich so ihr Leben finanzieren, sind zufrieden und das ist gut so. Es muss Leute geben, die all‘ die Scheissjobs machen. Das ist nun mal so. Und es gibt die, die mehr von ihrem Leben erwarten, die Karriere machen wollen, berühmt werden wollen, reich werden wollen und die, die verdammt reich werden wollen. Alles hat seine Berechtigung. Aber ich glaube auch, wir leben in einer Zeit, in der sich die Leute immer öfter fragen: Bin ich wirklich glücklich in meinem Job? Könnte ich nicht noch etwas anderes machen? Auch wenn sie dann weniger verdienen, sie wären aber vielleicht glücklicher mit ihrem eigentlichen Traumjob, den sich schon immer machen wollten.

Ich glaube, die Leute probieren heute mehr aus, bevor sie sich festlegen und das ist gut. Der Job frisst so viel unserer Lebenszeit, darum sollte er uns Spaß machen und uns erfüllen – nicht nur fertig machen oder langweilen. Früher waren die Zeiten anders, da war der Job das Wichtigste. Heute ist das nicht mehr so. Niemand will sich mehr was vormachen. Man will schließlich nicht auf dem Sterbebett liegen und denken: Verdammt, das war’s jetzt? Das war mein Leben?

Eine zweite Runde gibt’s nicht, also sollten wir die erste ausnutzen.

Wann sind Sie an Ihre Grenzen gestoßen?

Komischerweise bin ich bei den schlecht bezahlten Scheissjobs nie an meine Grenzen gestoßen, so krass oder stressig sie auch waren. Als ich als Hilfskoch in einer mexikanischen Küche gearbeitet habe – immer am Wochenende und immer volles Haus – hatten wir immer Stress und mussten die Stunden wirklich hart ackern. Nachts bin ich total fertig ins Bett gekippt, mir hat alles wehgetan, ich hatte Brandblasen, Schnitte in den Fingern und Muskelkater an Stellen, die ich vorher nie wahrgenommen hatte. Aber ich war glücklich, fühlte mich gut, ich war stolz, weil wir was geleistet haben: Wir haben hungrigen Leuten Essen zubereitet und haben den großen Ansturm geschafft – und überlebt. Jeder Abend war ein neuer Kampf.

Im Vergleich dazu waren die sieben Jahre als gut bezahlter Texter in Werbeagenturen schmerzhafter: Du sitzt zwar den ganzen Tag auf deinem gemütlichen Bürostuhl, dir kann nichts passieren und du bekommst im Vergleich zum Hilfskoch einen Haufen Kohle dafür, dass du dir Ideen für ein Bier, eine Automarke oder eine Intimwaschlotion ausdenkst, aber all‘ die hirnlosen, stundenlangen Meetings, die grotesken Gespräche und die abstrusen Wünsche des Kunden – das tut weh. Es hat mir mehr Schmerzen bereitet, eine dämliche Werbung entwickeln zu müssen, die eigentlich clever und witzig hätte werden können, als in der stressigen Küche zu arbeiten. Da hilft auch das viele Schmerzensgeld nicht.

Wie war Ihre Position gegenüber Leuten, die es anders als Sie gemacht haben? ( sprich: Einen sehr geraden Lebenslauf haben)

Früher habe ich sie beneidet. Heute ist es andersrum. Wenn Freunde von mir sehen, was ich mache oder alles gemacht habe und sie dann erzählen, wie gelangweilt sie von ihrem Leben sind und eigentlich was ganz anderes machen wollen oder immer machen wollten, dann sag‘ ich: „Dann mach doch!“ Dann kommt das große „Aber…“

Egal wie alt du bist, du kannst immer noch was anderes machen. Es ist besser die restlichen zwanzig oder dreißig Jahre deines Lebens unsicher aber glücklich zu verbringen, als unglücklich mit einem sicheren Job, den du hasst und einem Leben, das dich langweilt. Für den Traumjob ist es nie zu spät. Irgendwo dort draußen wartet er. Und meistens führt der Weg dorthin über Scheißjobs.

Wenn Sie ganz weit zurückdenken: Was war vor langer Zeit Ihr Traumberuf?

Mit neun wollte ich Spiderman sein. Nachts in der Stadt unterwegs sein, immer coole Sprüche auf Lager und Frauen in Not helfen. Aber den gab es ja schon. Und die Superhelden, die es heute gibt, die sind nicht annähernd so cool – über die hab ich übrigens auch ein Kapitel in meinem aktuellen Buch geschrieben.

Dann habe ich das Schreiben entdeckt, das sich trotz anderer Jobs, Ausbildungen und Berufe, wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen hat. Es gibt nichts absurderes, als alles auf eine Karte zu setzen und das Schreiben zu seinem Hauptberuf zu machen. Total verrückt. Aber heute weiß ich, das ist das, was ich machen will und machen werden, egal was kommt.

http://www.schwarzkopf-verlag.net/store/p954/HOW_TO_SURVIVE_SCHEISSJOBS.html

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