The Young ProfessionalDas Online-Magazin für junge Talente von Henryk Lüderitz


Mit welcher Einstellung Unternehmen nach Young Professionals suchen

Wasch mir den Pelz – aber mach mich nicht nass!

Ein Beitrag von Henryk Lüderitz

„Wasch mir den Pelz – aber mach mich nicht nass.“ Mit dieser Einstellung suchen Unternehmen nach High Potentials. Sie sollen Querdenker sein – aber einen geraden Lebenslauf besitzen. Sie sollen Lebenserfahrung haben – aber möglichst jung und unverbraucht in den Job einsteigen. Eine Welt voller Widersprüche, mit der ich als Trainer & Coach hier und heute aufräumen möchte …

Die ersten Begegnungen mit dem Phänomen „Widersprüche unserer Gesellschaft“  hatte ich in der Neubausiedlung ein paar Straßen weiter. Dort wohnen die Besserverdiener, die mit dem Stil ihrer Häuser widersprüchliche Botschaften senden: Bodentiefe Fenster… aber Jalousien damit man für sich ist. Garagen… aber hochwertige Autos, die kreuz und quer vor dem Haus stehen. Wer hier wohl wohnt?

Seit dieser Woche habe ich eine Vermutung

Es könnten Unternehmer und Personaler sein, die so ticken, wie ein gewisser Henning Zoz. Aber wer ist das –  womit genau hat der denn diese Woche für Wirbel gesorgt? Mal ganz von vorn….

Wie ich einem Artikel des Magazins „Spiegel“ entnehmen konnte, wollte Herr Zoz für sein Hightech Unternehmen junge Talente begeistern und gewinnen. Also lud er zu einer Tagung ein – bei der er aber gleichzeitig eine Gesichtskontrolle etabliert hat. Hier kommt nur rein, wer:  „… kein Blech im Gesicht hat, eine ordentliche Frisur besitzt und repräsentativ gekleidet ist!“  So sein offizielles Statement.

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Henryk Lüderitz, Trainer & Coach, geht den Dingen gerne auf den Grund. „Die konstruktive Auseinandersetzung bringt immer weiter.“
Wow, ich glaube Herr Zoz wohnt in meiner Lieblings-Neubausiedlung! Zusammen mit seinen Nachbarn beklagen sie sich auch über die mangelnde Datensicherheit… und posten dann Selfies von sich und ihren Autos.

Es kommt aber noch besser. Herr Zoz ist nämlich kein Einzelphänomen. Er befindet sich in bester Gesellschaft engstirnig und konservativ denkender Unternehmer. Ein paar Beispiele gefällig? Gerne…

1. Von Unternehmen wird Work-Life-Balance geboten und Familienplanung unterstützt…  wer jedoch mehr als ein Kind hat und  mehr als 24 Monate „nur“ Erziehung geleistet hat, gilt als zweite Wahl.

2. Unternehmen wollen gereifte, lebenserfahrene Persönlichkeiten… tun sich mit längeren Zeiten im Ausland, bestimmten Nebenjobs („Ach, sie nur haben Flyer verteilt?“) und Auszeiten der Bewerber schwer.

3. Innovative Querdenker sind gewünscht… jegliches Abweichen von gesellschaftlichen Normen ist dennoch verpönt. Innovativ ja, aber bitte nur im Job, nicht bei der Wahl der Haarfarbe oder des Körperschmucks.

4. Exzellente Studienabschlüsse müssen es sein… verdächtig ist aber, dass 1,0´er Absolventen durch 20 Stunden tägliches Lernen ausschließlich „kognitive Lernkompetenzen“ entwickelt haben.

5. Auch Branchen- und Berufserfahrung ist natürlich ein „must have“ für angehende Führungskräfte… wer jedoch mehr als dreimal den Arbeitgeber gewechselt hat, gilt schnell als jemand, der vor Problemen oder Herausforderungen davonläuft. Hat es ein Bewerber bewusst anders gemacht und seine Erfahrungen nur bei einem Arbeitgeber gesammelt, bekommt er wiederum den Stempel „nicht offen & ängstlich“ aufgedrückt.

In den Unternehmen lässt sich die Liste der Widersprüche ellenlang fortsetzen.
Dort stopft man die Young Professionals in Talent- und Traineeprogramme, die mutige, selbstbestimmte und flexible Experten hervorbringen sollen. Die Programme selbst sind aber so flexibel für Anregungen und Wünsche der Teilnehmer, wie eine Eisenbahnschiene.

Im Programm selbst sollen junge Experten zu gestandenen Führungskräften entwickelt werden. Wohlgemerkt von Trainern, die selbst nie geführt haben… Wie soll das eigentlich gehen?

Vielleicht ja mit Innovationen! Mal sehen: Viele Unternehmen wollen ständig neue Ideen und Innovationen, in Seminaren werden aber seit Jahren die gleichen Inhalte auf Flipcharts (!) präsentiert. Hey, schonmal etwas von neuen Medien gehört?

Offenbar nicht. Die Liste jedenfalls ließe sich noch ellenlang fortsetzen – und ich bin gespannt, welche Widersprüche welche Widersprüche euch so auffallen. Interessant finde ich, dass in den Medien eher den jungen Berufseinsteigern (Generation-Y) die Profillosigkeit vorgeworfen wird, die Unternehmen bei o.g. Beispielen selbst beweisen.

Mein Wunsch und Appell an die Unternehmen dort draußen ist jedenfalls jetzt schon klar: Entscheidet euch, was ihr wollt und lebt dann bitte mit den Konsequenzen!

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Über den Autor:
Henryk Lüderitz ist Gründer von „Lüderitz – Einer von Euch“, Management-Trainer, Business-Coach, Spezialist für die Entwicklung von Führungskräften und Herausgeber des Magazins The Young Professional.

Sein Background: Langjährige Führungskraft im Daily Business eines internationalen Mobilfunk-Konzerns.


Übrigens
: Einen ausführlichen Bericht des Magazins „Spiegel“ zur peinlichen Aktion von Herrn Zoz gibt es hier.

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