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Sie stehen nirgendwo und sind doch überall: die "ungeschriebenen Gesetze"

Zwischen den Menschen lesen

Ein Beitrag von Meike Kühlkamp

Wir Menschen leben zwangsläufig im Rudel, denn im Alltag müssen wir mit unseren Mitmenschen interagieren. Sollen diese Interaktionen reibungslos funktionieren, bedarf es gewisser Regeln: Einmal die, die festgesetzt sind und bei Nichteinhaltung strafrechtliche Konsequenzen mit sich bringen und dann gibt es auch noch die „Ungeschriebenen Gesetze“. Sie sind nirgends verzeichnet und sie einzuhalten, ist gewissermaßen freiwillig. Wehrt man sich als verbissener Einzelkämpfer aber gegen sie, kann das das Leben durchaus schwerer machen.

Menschen leben und arbeiten im Rudel

Auf der Rolltreppe lassen wir die linke Spur frei, für Leute, die eilig an uns vorbeihetzen müssen. Wollen wir in eine Bahn, den Bus oder Zug einsteigen, warten wir zunächst, bis alle Aussteigenden das Gefährt verlassen haben. Blockieren wir mit einem Großeinkauf die Kasse, lassen wir hinten stehende „Eiligeinkäufer“ wohlwollend vor. So funktioniert unser Rudelleben reibungsloser.

Eine ordentliche Schlange vor dem Bus: Es steht nirgendwo geschrieben und doch halten wir uns dran.

Gelernt haben wir das nicht etwa in der Schule, sondern von unseren Eltern. Halten wir uns also an die ungeschriebenen Gesetze, ist das gewissermaßen ein sicheres Indiz für unsere Wohlerzogenheit.

Auch auf der Arbeit werden wir Teil eines Rudels: das Unternehmen mit seinen Mitarbeitern. Und das hat noch einmal seine ganz eigenen ungeschriebenen Regeln und Gesetze, die es einzuhalten gilt.

Wie gesagt: Man findet sie nicht auf dem Papier, im Arbeitsvertrag finden sie keine Erwähnung. Will man wissen, welche ungeschriebenen Regeln es in einem Unternehmen gibt, sollte man ein wenig Feingefühl mitbringen, um mögliche Fettnäpfchen zu umgehen.

Missachtung wird hart bestraft – zwischenmenschlich

Aber was ist damit denn gemeint? Welche Fauxpas können mir denn passieren? Im Grunde gibt es da keine Grenzen, denn wenn wir von ungeschriebenen Gesetzen sprechen, bewegen wir uns damit auf der zwischenmenschlichen Ebene. Hier etwas falsch zu machen, passiert oft schnell und kann lange Konsequenzen und Unannehmlichkeiten mit sich ziehen.

Ein gutes Stichwort ist hier die Hierarchie. Was in der Uni mehr oder weniger egal war, ist im Unternehmen plötzlich lächerlich entscheidend. Dozenten und Professoren bieten ihren Studenten gerne mal das „Du“ an, um ein unverfänglicheres Verhältnis aufzubauen. Wenn der Chef im Unternehmen das „Du“ anbietet, ist das aber keineswegs die Einladung zu zwanglosen Plaudereien. Bekommt man als neuer Mitarbeiter oder junge Führungskraft das „Du“ von einer Person angeboten, die auf der Hierarchieleiter weiter oben steht, sollte man damit respektvoll umgehen. Es ist ein Zeichen von gegenseitiger Wertschätzung und Vertrauen. Floskeln wie „Ich bin so dicke mit dem Chef“ oder „Mir kann als Liebling doch eh nichts passieren“, sollte man sich also sparen, geht es nach den unausgesprochenen Regeln.

Vor und zurück

Auch das Verfassen einer E-Mail sollte nicht unterschätzt werden, denn auch im nicht „face-to-face“-Bereich will die Hierarchie des Unternehmen gepflegt und geachtet werden. Erhält beim Anschreiben die Assistentin nämlich den Vorrang, kann das den Chef schon mal böse und geknickt stimmen. Der Deutsche Knigge-Rat (http://knigge-rat.de/) stellt hier das ganz einfache ungeschriebene Gesetz auf: Hierarchie schlägt Geschlecht.

Und was ist mit den Leuten, die ganz oben in der Hierarchie verortet sind? Gibt es für sie auch ungeschriebene Gesetze oder sind sie auf ihrer Himmelsposition unantastbar? Natürlich nicht! Auch für Führungspositionen sind die unausgesprochenen Regeln „überlebenswichtig“, wenn sie als Alphatier bestehen wollen. Benötigt der Leiter der Marketingabteilung beispielsweise die Unterstützung des unternehmensinternen Grafikers für ein Projekt, sind auch hier die ungeschriebenen Gesetze ein Muss für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Der Marketingleiter muss sich fair und respektvoll verhalten, auch wenn der Grafiker in der Hierarchie unter ihm steht. Er sollte ihm ein faires Zeitlimit vorgeben und den Auftrag detailliert an die Grafikabteilung weitergeben, um ständige Änderungen im Nachhinein zu vermeiden. „Willst du etwas von mir haben, behandle mich mit Respekt und schätze meine Arbeit“ lautet hier die Devise.

Ungeschriebene Gesetze sind leise

Das sind nur einige von abertausend ungeschriebenen Gesetzen, auf die sich ein neuer Mitarbeiter und eine neue Führungskraft gefasst machen muss. Je nach Unternehmensphilosophie und der eigenen Rolle im Unternehmen variieren sie, denn jedes Team, jedes Rudel, wird durch ein individuelles Band zusammen gehalten.

Ungeschriebene Gesetze sind leise aber mächtig.

Fakt ist also: Ein Unternehmen lebt vom Bestehen zwischenmenschlicher Beziehungen, die nach ungeschriebenen Gesetzen und Regeln gepflegt werden müssen. Komme ich also neu in ein Team oder beziehe eine neue Position, ist es durchaus ratsam, zunächst „stillschweigender“ Beobachter dieser zwischenmenschlichen Geschehnisse zu sein. Wie gehen die Mitarbeiter miteinander um? Wer darf geduzt werden und wer legt Wert auf seinen Titel? Wie weit driften die Gespräche untereinander ins Private ab und wo liegen dort die Grenzen? Im Grunde bedarf es also nur ein wenig soziales Feingefühl und die nötige Einfindungsphase, eben so, wie auf der Rolltreppe oder an der Kasse.

Ungeschriebene Gesetze sind leise. Wer sie hören will, muss auf ein Maximum an sozialem Feingefühl zurückgreifen, eben so, wie auf der Rolltreppe oder an der Kasse.

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