The Young ProfessionalDas Online-Magazin für junge Talente von Henryk Lüderitz


Survival of the smartest

Mein Chef ist ein Idiot – na und?

Ein Beitrag von Julia Fähndrich

Wenn sich 97% aller Führungskräfte in deutschen Unternehmen für kompetent in Sachen Mitarbeiterführung halten, aber nur von 69% ihrer Angestellten so wahr genommen werden, dann ist etwas faul im Staate Dänemark – um es mal auf die Poetische zu sagen.

Diese tendenziell Besorgnis erregende Diskrepanz will das Marktforschungsunternehmen Gallup im Rahmen seines aktuellen Engagement Index herausgefunden haben. Man kann es kritisch sehen, weil von den 39 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland gerade einmal 1414 Menschen für die Studie befragt wurden. Die Ergebnisse der Studie aber ganz abtun, sollte man auch nicht. Immerhin sind solche Umfragewerte doch immer auch ein Stimmungsbarometer, ein Kompass für die Bevölkerung. Und die besteht immerhin doch in der Mehrheit aus Arbeitnehmern und nicht aus Führungskräften. Eine Schnittmenge von nur etwa einem Viertel dürft ihr als angehende oder aufstrebende Führungskräfte durchaus als Leitfaden benutzen. Und zum Anlass nehmen, eure eigene Führungskompetenz noch mal zu hinterfragen, auszubauen und perfektionieren.

Idiocracy in der Führungsetage

Interessanter Weise kommen aktuell verstärkt Ratgeber auf den Markt, die erklären wollen, wie Arbeitnehmer damit umgehen sollen, wenn ihr Chef ein Idiot ist. Wenn aber – auch das sind Zahlen aus dem Gallup Engagement Index – etwa ein Viertel aller deutschen Angestellten innerlich bereits gekündigt haben, klingt das ein bisschen nach verkehrter Welt. Die Verantwortung wird abgegeben an diejenigen, die in der verletzlicheren Position sind. Statt „How to manage your idiot boss“-Ratgebern, sollten viel mehr Praxistipps verfasst werden, wie „Führungsknigge für Dummies“. Damit’s auch der letzte Despotenchef versteht.

Ihr als Young Professionals sitzt in dieser Debatte ein bisschen zwischen den Stühlen. Denn ihr habt einerseits – und das ist euer großer Vorteil – die Möglichkeit, es anders zu machen, als diese latent zu sehr von sich überzeugten Chefs, die knapp 70% ihrer Angestellten als Idioten ansehen. Andererseits müsst ihr euch im Zweifelsfall selbst noch mit der herrschenden Idiokratie in der Führungsebene über euch herumschlagen. Was insofern gut ist, als dass es euch vor Augen führt, was ihr wann wie wo selbst besser machen könnt, als es euer Vorgesetzter tut. Andererseits ist es einfach anstrengend, sich dauernd mit einem Idioten auseinanderzusetzen.

Die Problematik ist, dass man in der unteren und mittleren Führungsebene Aufstiegschancen aufgrund von Fachkompetenz hat. Je höher aber die Führungsebene, die man erreicht, desto essentieller werden stattdessen Führungskompetenzen. Fachwissen dient an dieser Stelle mehr oder weniger nur noch als Back-up. Als Rechtfertigung, dass man seine Position nicht geschenkt bekommen hat, sondern auch Fachwissen vorhanden ist und man sich hochgearbeitet hat. Bei weiblichen Führungskräften ist dies ein ungleich wichtigerer Faktor. Wie also umgehen mit einem (menschlichen oder fachlichen) Idioten als Vorgesetztem?

 

Jeder hat den Chef, den er verdient

Erstmal die gute Nachricht: Ihr müsst euch von eurem idiotischen Chef nicht alles bieten lassen. Jetzt die schlechte: Ihr braucht Mut, eurem Chef die Stirn zu bieten.

Und weil Mut nicht bedeutet, den angestauten Frust über den Vorgesetzten gleichsam sintflutartig auf ihn zu kotzen erbrechen (weil ihr euch bei der Betriebsfeier Mut angetrunken habt oder nach der Selbstüberwindung gerade „einen Lauf“ habt), braucht ihr für so ein Feedbackgespräch von unten nach oben ein bisschen Strategie und taktisches Geschick.

Dabei stellt sich zunächst die Frage: 

  • Ist euer Chef ein Fachidiot und hat die zwischenmenschlichen Kompetenzen eines Asperger-Autisten?
  • Oder ist er eigentlich ‘ne total dufte Type, mit der man zwar Pferde stehlen kann, der aber vom Tagesgeschäft nicht den Hauch einer Ahnung hat?

Je nachdem, in welche Kategorie euer Chef fällt, müsst ihr ihn auf einer anderen Ebene ansprechen. Den Fachidioten erreicht ihr auf einem sachlich neutralen Level, den Führungscrack kriegt ihr auf einem persönlicheren, emotionaleren.

Am einfachsten dürfte euch der Einstieg in ein Vier-Augen-Gespräch mit eurem Chef wahrscheinlich fallen, wenn ihr eine konkrete Beispielsituation erlebt, die ihr als Aufhänger nehmen könnt. Hier ist nur wichtig, den richtigen Moment abzupassen. Einen Choleriker mitten in einem Wutanfall auf seine Inkompetenz anzusprechen wäre für den weiteren Verlauf eurer Karriere eher kontraproduktiv. Der Flur oder das Vorzimmer ist kein geeigneter Ort und kurz vor dem Meeting mit den Kollegen kein guter Zeitpunkt.

Bereitet euch vor auf das Gespräch. Notiert euch Situationen, in denen der Chef – im Idealfall auch vor anderen – seine Defizite zur Schau gestellt hat. Nicht, um sie ihm dick und fett auf die Stulle zu schmieren. Sondern als Belege für eure Argumentation.
Der Schlüssel ist hier ganz klar die Kommunikation. Und die muss bei sich schwierigen Patienten offen, transparent, nüchtern und selbstbewusst sein. Nur dann verlangt ihr den Idioten den nötigen Respekt ab, euch ernst zu nehmen, auch wenn ihr weniger Berufserfahrung habt als sie.

Übrigens sind solche Gespräche nie vom ersten Mal an fruchtbar. Es wäre illusorisch, zu denken, ein solches Feedbackgespräch wäre ausreichend, um den Vorgesetzten zu mehr Selbstreflexion zu bewegen. Ihr braucht also auch Ausdauer, wenn ihr den Chef haben wollt, den ihr wirklich verdient. Und machen wir uns nichts vor, den einen Unverbesserlichen wird es immer geben. In dem Fall müsst ihr entweder durchhalten, bis er in Rente geht, euch nach einem anderen Arbeitgeber umsehen oder an seinem Stuhl sägen, während er da ist. Das kann zwar einerseits unglaublich beflügeln, ist aber auch nicht die sauberste Art, die eigene Karriere voranzutreiben. Stattdessen steigt das Risiko selbst so zu werden, weil man sich in Sticheleien und Intrigen verliert ohne es zu merken.

Statt mit solchen abgeschmackten Mitteln zu kämpfen, wagt lieber die Flucht nach vorne. Bestecht durch eure eigene Führungskompetenz. Beweist, dass eure Arbeit Früchte trägt, die das Unternehmen voranbringen, sodass „der Idiot“ euch weder Talent absprechen kann, noch euch aus eurer Unerfahrenheit einen Strick drehen kann.
Reduziert in so einem Fall den Kontakt auf ein Minimum, bringt trotzdem sachliche Kritik an, wenn es angemessen ist. Konzentriert euch aber ansonsten darauf, euer Team vor der Willkür, Unfähigkeit oder Inkompetenz „da oben“ abzuschirmen.

Auch das erfordert Ausdauer. Ich würde euch anlügen, würde ich etwas anderes behaupten. Aber es ist der sicherste Weg, eine möglichst stabile Karriere zu machen, die nicht von Raketenstarts und sofortigen Abstürzen gepflastert ist … und für die ihr nicht eure Seele verkaufen müsst.

 

Außerdem habt ihr im Zweifelsfall immer noch Henryk, den Führungskräfte-Coach eures Vertrauens. Und der hat bestimmt noch den ein oder anderen Trick, wie ihr mit dem Idioten im Chefsessel langfristig besser fertig werdet. Oder, Henryk?

„Julia hat die grundsätzlich richtige Strategie schon beschrieben: love it, change it or leave it ist das Motto. Leider begegnen mir immer wieder Young Professionals, die sich vom Verhalten des eigenen Chefs haben kleinkriegen lassen. Ihr Selbstvertrauen ist soweit gesunken, dass sie sich eine Veränderung nicht mehr zutrauen. Daher lautet mein Hinweis: setzt euch selbst eine zeitliche Grenze für die Arbeit mit einem blöden Chef. Dieses Zeitfenster könnt ihr dann mit einzelnen Aktionen füllen, wie z.B. als ersten Schritt, die eigen Wahrnehmung zu hinterfragen, mit HR zu sprechen etc.
Als letzter Schritt sollte dann jedoch auch ohne größere Ausreden die konsequente Bewerbung in anderen Unternehmen anstehen. Geht diesen Schritt nicht zu früh, sonst haftet euch der Ruf eines „Verdrückers“ an … geht ihn aber auch nicht zu spät an, sonst leidet euer Selbstbewusstsein.

Und wenn ihr euch mal unsicher seid, ob der richtige Moment gekommen ist und wie es nun weitergehen soll, sprecht mich gerne an.

Außerdem freuen wir uns hier oder bei Xing & Facebook natürlich auf eure Kommentare, Fragen und Anregungen zum Thema.

Euer Henryk

Der Newsletter für Young Professionals


  • Christiane Gosch am 8. April 2017 um 23:21

    Hallo Henryk,

    diese Zeilen sprechen mir aus der Seele. Ich habe genau diese Erfahrung gemacht!! Ich habe das Unternehmen gewechselt und bin so glücklich!!

    Gruß Christiane

    • Henryk Lüderitz am 11. April 2017 um 23:11

      Hallo Christiane,
      es freut mich, dass wir mit diesem Thema den Nerv getroffen haben. Gleichzeitig tut es mir leid, dass es noch immer beratungsresistente und feebackresistente Chefs gibt. Aber schön für dich, wenn du jetzt mit einem neuen Chef glücklich bist.

      Weiterhin alles Gute und Danke für deinen Kommentar,
      Henryk

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