The Young ProfessionalDas Online-Magazin für junge Talente von Henryk Lüderitz


Anders sein und durchstarten

Quereinstieg als Karriereturbo

Ein Beitrag von Julia Fähndrich

Aussenseiter

Sagen dir die Namen Martin Richenhagen, Michael Diekmann oder Frank Appel irgendetwas? Nein? Aber bestimmt doch diese hier: Angela Merkel, Gerhard Schröder und Donald Trump. Was diese drei Menschen verbindet, ist auf den ersten Blick erkennbar: Alle drei haben in der Politik Karriere gemacht (oder stehen kurz davor). Was sie aber außerdem verbindet, ist die Tatsache, dass alle von ihrer durch das Studium vorgegebenen Laufbahn oder bisherigen Berufswahl abgewichen sind.

Frau Merkel hat ihren Doktor in Chemie, Gerhard Schröder ist Jurist, der sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht hat, und der zukünftige 45. US-Präsident Donald Trump ist eigentlich Bauunternehmer.
Diese Menschen machen es vor: Man kann auch als Quereinsteiger Karriere machen.

 

Quereinsteiger auf der Erfolgsleiter

Immer mehr, vor allem junge Unternehmen setzen nicht so sehr auf Ausbildung und Studiengang, sondern viel mehr auf Soft Skills und Erfahrungen. Für die einen ist es Unternehmensphilosophie, für die anderen eine Anpassung an den modernen Arbeitsmarkt. Denn kaum noch ein Lebenslauf verläuft geradlinig und ohne Pausen. Geschweige denn, dass man heutzutage noch im gleichen Betrieb in Rente geht, in dem man die Ausbildung absolviert hat.
Alles, was es braucht, ist ein bisschen Mut, sich auch in fachfremden Bereichen zu bewerben. Um das eigene Profil trotzdem jobgerecht zu gestalten, brauchst Du vielleicht ein bisschen mehr Flexibilität. Denn statt deiner Berufserfahrung und Studiengänge musst Du den Fokus ein wenig auf andere Stärken und Seiten rücken.

Ein Zugführer, der sich in seiner Freizeit bei der Freiwilligen Feuerwehr engagiert, hat mindestens so gute Führungseigenschaften, wie ein erfahrener Teamleiter.

Wer als Hobby Geschichten und Gedichte schreibt verfügt vielleicht über genauso viel Wortwitz und Sprachfertigkeit, wie ein Werbefachmann.

Oder warum sollte eine gelernte Krankenschwester nicht in der Lage sein, Termine zu koordinieren und Abläufe effizienter zu machen?

Wer den Bereich wechseln will, muss schlichtweg seine Talente in den Vordergrund rücken. Wenngleich die vielleicht nichts mit dem bisherigen Berufsweg zu tun haben oder dort nicht gefordert waren. Erfahrungen und Fertigkeiten, die Du dir in deiner Freizeit angeeignet hast oder die Du im Hobby auslebst, kannst Du genauso gut auf eine Arbeitsstelle anwenden. Wenn Soft Skills aus dem Privaten zu einer Jobdescription passen, hindert dich nichts daran, dich zu bewerben. Deine Chancen stehen mindestens so gut, wie die eines Bewerbers mit Erfahrung in dem ausgeschriebenen Bereich.

 

Erkenne dein Potenzial

Das Wichtigste für einen Quereinstieg ist, dass Du dich gut verkaufen kannst. Und das kannst Du nur dann, wenn Du deine eigenen Stärken kennst. Setzte statt auf deine Ausbildung lieber auf deinen Instinkt:
Überlege dir, was dir wirklich Spaß macht. Was ist dein Hobby? Welche Komponente deines Hobbys erfüllt dich am meisten?
Mache eine Liste mit deinen Schwächen und versuche, sie von einem anderen Blickwinkel zu betrachten – formuliere sie um und mache Stärken daraus.
Hast Du Arbeitsproben und Referenzmöglichkeiten, dann binde sie in die Bewerbung ein. Hast Du es erst einmal geschafft, dein Potential außerhalb deiner Berufserfahrung und Ausbildungskenntnis zu erfassen, wirst Du erkennen, dass dein Persönlichkeitsprofil zu einer sehr viel größeren Stellenauswahl passt.

 

“Die nehmen mich doch nie.“

Meistens sind es die eigenen Bedenken und das fehlende Selbstvertrauen, die uns davon abhalten, uns auch auf Positionen zu bewerben, in denen wir (a.) entweder noch nie gearbeitet haben oder (b.), deren Anforderungen wir scheinbar nicht gerecht werden. Aber, wie heißt es so schön? Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

In den wenigsten Fällen sitzen in der HR Menschen, die wirklich glauben, sie finden den 100% perfekten Kandidaten, der alle in der Ausschreibung aufgeführten Erwartungen erfüllt. Und genau hier kommen Deine Soft Skills ins Spiel.

Als Kapitän bei der Uni-Fußballmannschaft hast Du sehr wohl erste Führungserfahrungen gemacht, behältst sehr wohl in Stresssituationen die Ruhe und den Überblick, hast gelernt, mit Niederlagen umzugehen, bist teamfähig und beweist – im wahrsten Sinne des Wortes – Sportsgeist.

Als Teil einer Band hast Du längst gelernt, dich auf andere Menschen einzustellen, eine gemeinsame Balance mit ihnen zu finden, bist Lampenfieber erprobt, weshalb Du mit Nervosität umgehen kannst und hast, wenn der Sänger den Text vergisst oder der Gitarrist sich vergreift, verstanden, zu improvisieren.

Es sind genau diese Fähigkeiten, die Dein Potenzial ausmachen. Arbeite sie zunächst für Dich selbst heraus, dann kannst Du sie nachher für den potentiellen Arbeitgeber richtig in Szene setzen und formulieren. Mache Deine Stärken greif- und begreifbar. Und wenn Du dich dabei ertappst, dass Du denkst, dass „die dich doch sowieso nicht nehmen“ – frag Dich doch einfach mal: Warum sollten sie denn nicht?

Eine Bewerbung auf eine branchenfremde Stelle beweist dem Personaler auch, dass Du mutig bist, neugierig und bereit, Dich auf Neues einzulassen. Und im Zweifelsfall sogar, dass Du es verstehst, aus der Not eine Tugend zu machen.

Natürlich gibt es auch bei der positivsten Einstellung und den noch so guten Beispielen für einen gelungen Quereinstieg keine Garantie. Nicht dafür, dass es für ein Vorstellungsgespräch reicht, nicht dafür, dass Du die Stelle am Ende auch kriegst. Aber diese Garantie hast Du auch nicht, wenn Du dich auf Deinen gelernten Beruf oder auf eine Stelle bewirbst, die zu Deinem Studiengang passt.

 

Beispiele für gelungene Quereinstiege

Um dir nochmals vor Augen zu führen, dass ein Quereinstieg eine äußerst profitable Karriere nach sich ziehen kann, möchte ich die eingangs erwähnten Herren Richenhagen, Diekmann und Appel nochmal bemühen. Lies‘ dir deren Werdegang einfach mal durch und dann frage dich nochmal, warum nicht auch Du ein erfolgreicher Quereinsteiger werden können solltest:
Vom Theologen zum CEO

Martin Richenhagen (64) ist heute CEO beim US-Landmaschinenhersteller AGCO und damit einer von nur zwei deutschstämmigen CEOs bei einem Fortune-Global-500-Unternehmen. Studiert hat Richenhagen allerdings Gymnasiallehramt (Studienfächer Theologie, Romanistik und Philosophie) und arbeitete nach seinem Uni-Abschluss zunächst auch als Religionslehrer.
Von den schönsten Künsten in den Vorstand

Michael Diekmann (62) studierte ebenfalls Philosophie, im Hauptfach allerdings Kunstgeschichte. Er verbrachte viel Zeit auf Reisen (u.a. in Afrika) und publizierte in Eigenregie einen Kanu-Reiseführer, bevor er seine Karriere bei der Allianz begann, wo er zuletzt CEO war. Aktuell sitzt er bei einigen, namhaften Global Playern (u.a. Siemens, BASF) im Aufsichtsrat.
Mit Köpfchen zur Karriere

Eigentlich wollte er anderen Leuten in den Kopf gucken können. Stattdessen ist Frank Appel (55) seit mittlerweile 8 Jahren CEO der Deutschen Post AG. Promoviert hat der Diplom-Chemiker aber in Neurobiologie. Weil er trotz zweier Abschlüsse keinen Job fand, wagte er Initiativbewerbungen in anderen Bereichen und schaffte einen Quereinstieg bei der Unternehmensberatung McKinsey.

 

Ein BWL’er auf Abwegen

Luederitz_jumpHenryk Lüderitz, Führungskräftetrainer und Coach bei LDZ – Einer von Euch und Initiator des Online-Karriere-Magazins „The Young Professional“. Aber das erzählt er dir lieber in eigenen Worten:
„Quereinstiege waren auch Teil meiner Karriere. Nach wenigen Monaten bei Mannesmann Mobilfunk hatte ich im Vertriebs- und Serviceteam bewiesen, dass ich gut mit Zahlen und Menschen umgehen kann. Und mit genau diesen Skills wurden Leute im Projektmanagement der Technik gesucht. In die Technik, auch ohne Ingenieur-Studium? Klar, denn gefragt waren Skills, die ich auch als BWL´er beherrschte. Nach mehreren Jahren als Projektleiter in der Technik habe ich dann wieder in den Finanzbereich gewechselt. Und dort sind mit neben offenen Armen auch ein paar interessante Vorurteile begegnet. „Der ist doch seit Jahren in der Technik, versteht der überhaupt unsere Finance-Prozesse?“
Doch genau darum ging es! Gesucht wurde a) ein Aussenstehender, der nicht der Betriebsblindheit des Finanzbereiches zum Opfer gefallen ist und b) jemand, der sowohl Technik, als auch Finanzen gut versteht.
Den dritten Quereinstieg habe ich mit meiner Selbständigkeit gewagt. Ich habe weder Pädagogik noch Erwachsenenbildung studiert, wie viele andere Trainer. Noch hatte ich Erfahrung als Trainer. Dafür hatte ich etwas viel wertvolleres: Erfahrung als Führungskraft!! Diese „echte“ Managementerfahrung konnte ich sogar als Alleinstellungsmerkmal nutzen.
Ihr merkt, den Quereinstieg in die Karriereplanung aktiv mit einzuplanen kann durchaus sehr lohnenswert sein!“

Der Newsletter für Young Professionals


Kommentieren