The Young ProfessionalDas Online-Magazin für junge Talente von Henryk Lüderitz


Selbstreflexion für unbeliebte Führungskräfte

Alle finden mich doof – und ich merke es nicht!!

Ein Beitrag von Henryk Lüderitz

Als Vorgesetzter everybodies darling zu sein, ist selten bis unmöglich. Sich auf der Beliebtheitsskala am ganz anderen Ende, also knapp über „größtes Ars….och der Welt!“ zu befinden, kann besonders jungen Chefs schnell zum Verhängnis werden. Die goldene Mitte ist auch hier wieder das angestrebte, nicht einfach zu erreichende Ziel.
Damit ihr nicht als fachlich brillante, aber emotional / empathische Krüppel vom Team komplett abgelehnt werdet, habe ich euch hier ein paar Praxistipps für eure Selbstreflexion zusammengestellt.

 

Wurde mit euch der Bock zum Gärtner gemacht?


Leider sind heute in vielen Unternehmen noch immer die Aufstiegs- und Entwicklungschancen auf die Führungslaufbahn beschränkt. Wenn sich fachlich brillante Mitarbeiter weiterentwickeln wollen, müssen sie sich in diesen Unternehmen zwangsläufig auf die Führungslaufbahn begeben. Oder werden im schlimmsten Fall sogar dahin gedrängt.
Die ersten Prüffragen sollten für euch also sein: „Liegen meine Talente eher im fachlichen Bereich? Bin ich entgegen meiner charakterlichen und methodischen Kompetenzen zum Chef gemacht worden?“
Wenn dem so ist, gilt für euch besondere Vorsicht, denn Führungskompetenz basiert einerseits auf ausgebildeten Persönlichkeitsmerkmalen (Talente) und auf erlernten Führungsmethoden. Ihr seid ja auch nicht als fachlicher Experte vom Himmel gefallen und musstet einen langen Weg zur fachlichen Brillanz gehen. Genauso verhält es sich auch mit guten Führungskräften: Sie bringen ein gewisses Talent mit, müssen aber nichtsdestotrotz Führungsmethoden erlernen und ausprobieren.
Wer vom fachlichen „Bock“ zum „Führungs-Gärtner“ gemacht wurde, Talent hin oder her, sollte dringend im Personalbereich und beim eigenen Chef um eine Ausbildung für junge Führungskräfte bitten! Denn gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Besonders im heiklen Gebiet der Mitarbeiterführung.

 

Keine Angst vor der Wahrheit


Führungskräfte benötigen eine Reihe von außergewöhnlichen Fähigkeiten. Zumindest suggeriert uns das die bunte Welt der zahlreichen Ratgeber. Wer versucht, sich sämtliche dieser Idealbild-Eigenschaften anzueignen, hat viel zu tun. Ein Skill-Set gehört aus meiner Sicht jedoch zur absoluten Basiskompetenz jeder Führungskraft: Die Fähigkeit der Selbstreflexion, in Kombination mit der Fähigkeit, Kritik annehmen zu können und an sich arbeiten zu wollen. Den Mut zu haben, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen, selbst wenn diese hässlich ist, sollten Chefs im fachlichen und persönlichen Sinne besitzen.
Auf die Situation von jungen Führungskräften übertragen, ist es unerlässlich, sich regelmäßig ein Bild davon zu verschaffen, wie die eigene Person (Verhalten, Entscheidungen, etc.) im Team ankommt. Hand auf´s Herz: selbst wenn ihr von einem Experten zur Führungskraft ausgebildet wurdet, fehlt euch die Routine im Umgang mit Mitarbeitern. Auf dem Weg zu einer soliden Selbstreflexion haben sich daher zwei Schritte bewährt:

Selbstreflexion

Der einfachste Weg sich selbst zu kontrollieren besteht darin, nach einem Arbeitstag das eigene Verhalten Revue passieren zu lassen und zu bewerten.
 Ohne Übung kann einem dabei jedoch die Selbstwahrnehmung („Ich bin sowieso der Geilste & mein Team sind nur Idioten“) einen Strich durch die Rechnung machen. Sicherer ist es daher, zu Schritt zwei überzugehen…

Mitarbeiterbefragung

Selbstverständlich unterliegt die Wahrnehmung der Mitarbeiter auch einer gewissen Subjektivität (z.B. „Unser Chef ist ein ätzender Besserwisser“). Nichtsdestotrotz ist es eben genau diese emotionale Bindung zur Führungskraft, die Leistung erzeugt oder verhindert. Wie stark dieser Effekt ist, beweist die Gallup-Studie jedes Jahr ziemlich eindrucksvoll. 
In der Praxis empfiehlt sich daher die regelmäßige Frage „Wie erlebt ihr mich als Führungskraft & welche Wünsche habt ihr an mich?“
 Wie gesagt, die Antworten sind auch hier nicht die 100%ige Wahrheit, sondern eine persönliche Empfindung der Mitarbeiter. Lässt die Antwort einen klaren Trend erkennen, wie z.B. dass fünf von sechs Mitarbeitern eure Kommunikation als unangenehm empfinden, solltet ihr die Empfindung durchaus ernst nehmen und handeln!

 

Hilfe, alle hassen mich!

Ist das Ergebnis eurer Umfrage deutlich negativ, gilt es zügig zu handeln. Im ersten Schritt braucht ihr bestimmt ein paar Tage um den Schock eurer schlechten Außenwahrnehmung zu verdauen. Es hilft, sich damit zu trösten, dass ihr nicht doof seid, sondern euch nur doof benommen habt. Negative Resonanz aus dem Team ist zwar meist schwer zu verdauen, aber sie hilft dabei, euren Entwicklungsprozess zu unterstützen. Versucht deshalb gezielt die Ursachen eurer negativen Wirkung zu hinterfragen. Entweder kommen euch dazu aus den Gesprächen mit den Mitarbeitern schon genug Ideen, oder ihr fragt nochmal im Team nach. Nicht nur eine Hilfe für euch, sondern auch die richtige Message an eure Leute: „Ich habe euch zugehört, nehme euch ernst und handle!“

 

Tipps von Familie und Freunden

Wem das erneute Gespräch mit dem Team zu viel Respekt einflößt, der kann auch einen einfacheren Weg gehen: Fragt doch mal im privaten Umfeld nach, was z.B. euer Lebenspartner, eure Geschwister oder ein guter Freund zu dem Feedback eurer Mitarbeiter sagen. Mit ein bisschen Glück entzückt ihr euer privates Umfeld mit genau dem gleichen Verhalten und erhaltet hilfreiche Ideen zur Selbstoptimierung. 
Habt ihr ein paar Arbeitspunkte mitgenommen, heißt es: täglich daran arbeiten. Sein Standing gegenüber dem Team zu verbessern ist keine Sache von einer Woche. Langfristige Arbeit inkl. regelmäßiger Selbstkontrolle (z.B. „Wie habe ich heute mit meinen Mitarbeitern kommuniziert?“) sind unerlässlich.
 Nach ca. einem Monat lohnt sich schon der vorsichtige Versuch eines erneuten Team-Feedback. Hier könnt ihr ja sagen, dass ihr die Rückmeldungen sehr ernst nehmt, an den Punkten XY & Z arbeitet und gespannt seid, ob sich aus Sicht der Mitarbeiter schon etwas verändert hat.

 

 

Bloß nicht den Kopf in den Sand stecken

Vogel-Strauß-Taktik ist für Führungskräfte immer der schlechteste Weg. Die Realität nicht sehen zu wollen und Entscheidungen aussitzen, kann mit viel Glück in fachlichen Themen zu einer Verbesserung führen. Feedback an- und ernst nehmen bedeutet nicht, dass ihr nun eurer Selbstvertrauen über den Haufen werfen sollt. Wenn es aber zu eurem Führungsverhalten kommt, könnt ihr sicher sein, es wird sich niemals durch Nichtstun verbessern. Habt also den Mut eurem Team mit Interesse zu begegnen und macht das Beste aus dem Feedback. Ihr könnt nur besser werden.
Wenn ihr trotzdem noch Fragen dazu habt oder euch euer Team „in die Senke gestellt hat“, sprecht mich an, wir finden gemeinsam bestimmt einen Weg zur Verbesserung.

Außerdem interessieren mich eure Erfahrungen: Wie ist euer Chef so? Reagiert er auf Feedback von außen?

Der Newsletter für Young Professionals


Kommentieren