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Moral und Wirtschaft / Muss ich als Chef wirklich immer der A*** vom Dienst sein?

Auf der Flucht vor dem Karma

Ein Beitrag von Meike Kühlkamp

Will ich zu den Guten oder Bösen gehören? Himmel oder Hölle? Will ich der Schwerverdiener als soziale Randgruppe des Unternehmens oder die gute Stimme in den liebenden Armen der Belegschaft sein? – Was schon im Angestelltenverhältnis beginnt, spitzt sich in der Chefposition nur noch weiter zu: das Spiel zwischen Gewissen und Geschäft. Das große Geld fließt nur auf’s Konto, wenn die Ellbogen ausgefahren werden. Wer sich von seinen Gewissensbissen lähmen lässt, geht unter und ertrinkt im strömenden Fluss der Karrieregeier. Also: Setzt du deine Karten auf Geschäft oder Gewissen? Einsatz: deine Karriere. Oder gibt es vielleicht noch einen Joker?..

 

Expertenstimme: Prof. Dr. Dieter Birnbacher 

Moral und Wirtschaft – zwei Begriffe, eine Hassliebe. Wer nach dem einen Prinzip lebt, kann nicht nach dem anderen handeln. Wirtschaftlichen Erfolg erzielen und gleichzeitig sein moralisches Wertesystem aufrecht erhalten? Es scheint wie ein Ding der Unmöglichkeit und dennoch: der aktuelle Trend will das Unmögliche möglich machen. Die Moral soll Einzug in die Welt der Wirtschaft nehmen und das mehr und mehr. Studiengänge wie „Philosophie und Wirtschaft“ gewinnen immer mehr Anhänger, Ethikkommissionen in Unternehmen ein immer größeres „Veto-Recht“. Und wie siehts aus, wenn es um mich geht? Kann auch meine Moral ein Freund meiner Karriere werden? Wie schaffe ich es, im Job erfolgreich zu sein, ohne mich selbst und meine Prinzipien zu verkaufen? Wir haben Univ.-Prof. i. R. Dr. Dr. h.c. Dieter Birnbacher gefragt. Er ist Philosophie-Dozent an der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf, Vorsitzender der zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer und Mitglied verschiedener philosophischer Vereinigungen. An der HHU leitet er unter anderem das Seminar „Philosophie und Wirtschaft“.

 

Herr Prof. Dr. Birnbacher, wie kann ich es schaffen, meiner eigenen Moral auch im Beruf treu zu bleiben, ohne dabei unterzugehen?

2201ede818Prof. Dr. Dieter Birnbacher

Das Spiel zwischen Gewissen und Geschäft ist und war schon immer ein schwieriges, das ist nichts neues. Der Konflikt mit mir selbst beginnt immer dann, wenn die Moral meines Berufs oder des Unternehmens, für das ich arbeite, meine persönliche Moral durchkreuzt. Hierbei handelt es sich um eine universelle Problematik, denn es gibt nur allzu viele Bereiche, in denen persönliche und geschäftliche Moral kontrovers sind.

Was also tun?

Als Arbeitnehmer, bzw. Angestellter fängt es schon bei der Wahl des Unternehmens/ Betriebs und der Berufsgruppe an. Moralische Anstellungen sind sowohl von Beruf zu Beruf unterschiedlich, also auch zur Struktur des Unternehmens. Ein Bankberater steht zum Beispiel im täglichen Konflikt seiner Moralvorstellungen, da er gleichzeitig Verkäufer und Berater ist. Ähnlich wie ein Arzt zum Beispiel.
Bei der Wahl des Unternehmens sollte man vorab in Erfahrung bringen, wie streng die Hierarchie ist. Während Familienunternehmen meist eine lockere Struktur aufweisen, ist die Hierarchie in Großunternehmen nicht selten rigide.

Warum ist das relevant?

Entscheidet man sich, Teil eines Unternehmens zu sein, das streng hierarchisch aufgebaut ist, muss man damit rechnen, oft mit der Moralfrage konfrontiert zu werden, denn: der Druck wird von oben nach unten weitergeleitet. Entscheidungen nach eigenen Ermessen zu treffen, wird dadurch deutlich schwieriger. Man ist Teil des Unternehmens und muss deswegen nach zugehöriger Philosophie agieren.

Kann man Moral und Wirtschaft denn überhaupt irgendwie zusammenbringen?

Man muss. Natürlich gibt es Situationen, vor allem in der Rolle als Führungskraft, in denen man den privaten Moralvorstellungen nicht gerecht werden kann, da diese immer anspruchsvoller sind als die „geschäftlichen“. Situationen, in denen man sich vielleicht gegen den Einzelnen aber für die gesamte Belegschaft entscheiden muss. Beispielhaft dafür wäre die Kündigung eines Mitarbeiters. Womöglich aufgrund seinen Alters. Ein aktuelles Thema ist die Digitalisierung in allen Bereichen. Als Chef muss ich abwägen: Handle ich nach meinen privaten Grundsätzen und beschäftige einen älteren Mitarbeiter, weil er schon lange im Unternehmen tätig ist, oder kündige ich ihn zum Wohl des Unternehmens, da er den modernen Ansprüchen an seine Stelle nicht mehr gerecht wird?
Unternehmen/ Unternehmer schaffen es, Moral und Wirtschaft zusammenzubringen, indem sie ihre Ziele und die Wege und Mittel moralisieren. Es gibt heutzutage genügend Beispiele von Unternehmen, in denen das gelingt.

Man, men, person.

Das große Geld oder das reine Gewissen? Nicht immer ganz einfach zu beantworten als Chef. Oder geht vielleicht doch beides?

 

Welche zum Bespiel?

Als Chef habe ich die Möglichkeit, ethische Kriterien anzulegen, die mein Betrieb erfüllen soll. REWE zum Beispiel hat einen eigenen Ethikbeauftragten, der überprüfen soll, ob diese eingehalten werden. Die Sparkasse Neuss hat einen Codex für ihre Mitarbeiter, der ethische Grundsätze, Rechte und Pflichten beinhaltet. Wer diese nicht beachtet, wird entlassen, auch wenn er dem Unternehmen Profit bringt. Natürlich ist so etwas immer abhängig von der Marktstellung eines Betriebes. Ist mein Unternehmen von „hohem standing“, ist es für mich als Chef einfacher meinen Angestellten berufsethische Grundsätze beizubringen und auch selbst nach ihnen zu handeln, da ich „auf weicherem Boden gebettet“ bin.

Ihr Fazit?

Es ist also nicht immer nur ein Hindernis als Führungskraft, moralisch korrekt zu handeln, sondern auch eine Chance, denn: Je höher die Position desto höher der Einfluss und das heißt, ich kann etwas dafür tun, Moral und Wirtschaft zusammenzubringen, mein Unternehmen zu moralisieren. Schaue ich von Beginn an, welche Moralvorstellungen ein Unternehmen pflegt, werden sich diese später weniger oft mit meinen privaten kreuzen. Ist man erst einmal Chef, sollte man kreativ werden, überlegen wie man Prinzipien bewahren kann. Das Konzept „Heute für Morgen“ von den obersten Köpfen bei BMW ist ein gutes Bespiel dafür. Hier wurde ein Konzept für ältere Mitarbeiter entwickelt, statt sie einfach zu entlassen. Moral und Wirtschaft – so kann man sie zusammenbringen.

 

Henryk, wie ist Deine Praxiserfahrung zum Thema „Werte & Moral“ und welchen abschließenden Tipp hast Du für junge Führungskräfte?

Werte und Moral sind Themen, die ich mit Gesundheit und Mobilität vergleiche. Bis man keine ernsthaften Konflikte oder Probleme damit bekommt, hat sie kaum einer auf dem Radar. Das ging mir als High Potential ganz genau so. Ich hatte zwar ein diffuses Gefühl für meine Werte, hätte sie aber niemals klar definieren können.
Bis zu den ersten Situationen, in denen ich gemerkt habe, dass ich nicht ganz so „natürlich“ reagieren konnte wie sonst. Ich hatte mit inneren Konflikten zu hadern. Diese Konflikte zu erkennen, die eigenen Werte klar zu definieren und dann eine Lösung für die Wertekonflikte zu finden, zähle ich bis heute zu meinen größten Herausforderungen.
Ab diesem Zeitpunkt konnte ich wesentlich (selbst)bewusster im Business reagieren. Meine Empfehlung deshalb an junge Führungskräfte und High Potentials: Beschäftigt Euch so früh es geht mit Eurem persönlichen Wertesystem. Findet heraus, wie Euer Wertekompass funktioniert und legt dementsprechend einen Karriereweg fest. Konkretes Beispiel: Jemand dem Harmonie, Kreativität und Ehrlichkeit wichtig ist, der wird sich mit einer Laufbahn im knallharten Sales- oder Marketingbusiness keinen Gefallen tun.
Aus diesem Grund ist die Arbeit mit den persönlichen Werten ein fester Bestandteil in meinen Entwicklungsprogrammen & Seminaren für angehende Führungskräfte. Es hat jedoch nichts mit dem Alter und der Erfahrung zu tun. Im Einzelcoaching sitzen gelegentlich auch Geschäftsführer, die erneut oder erstmalig ihre Werte hinterfragen und definieren. Was sie am Ende alle gemeinsam haben: einen zufriedenen Gesichtsausdruck durch die neu gewonnenen Klarheit.
In diesem Sinne wünsche ich allen Young Professionals viel Erfolg und Spaß bei der Suche nach den persönlichen Werten. Solltet Ihr an einem Punkt nicht weiterkommen oder Fragen haben, sprecht mich gerne an!

 

 

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