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Tuifly liegt am Boden. Kommunikationsexpertin Dr. Marita Pabst-Weinschenk verrät, wie man oben bleibt.

Kommunikative Bruchlandung

Ein Beitrag von Meike Kühlkamp

Tuifly hat’s ordentlich vergeigt. Hunderte Mitarbeiter wollen nicht mehr zur Arbeit kommen, haben sich krank gemeldet. Krank sind sie nicht wirklich, nur kränklich verletzt: in ihrer Würde, in ihrem Vertrauen in ihre Arbeitgeber, in ihrem Glauben an den gesunden Menschenverstand. Denn als sie vor kurzer Zeit in den internen Management-Letter schauten, traf sie es wie ein Schlag: Die Chefetage hat es wohl nicht für nötig gehalten, mit Ihnen, den Mitarbeitern zu sprechen. Denn wenn die Nachricht über eine enorme Umstrukturierung sie „auf einen Klick“ erreicht, kann die Wertschätzung von oben wohl nicht besonders hoch gewesen sein.

kunstflieger

 

Nun muss Tuifly von seinem Höhenflug runterkommen und am Boden den Kopf einziehen, denn: Eine namenhafte Airline sollte Vollprofi sein, auch im Bereich Kommunikation. Stattdessen leistet sie sich einen Anfängerfehler und präsentiert sich als Amateur. Ein sagenhaftes Beispiel dafür, dass Kommunikation gelernt sein will. Der Aufsichtsratschef betreibt Missmanagement, nun erhebt sich das Tuifly-Fußvolk und siehe da: der Laden steht still. Ein Gutes hat das Ganze: Tuifly liefert jungen Führungskräften und Führungskräften allgemein mit diesem Fauxpas ein Beispiel dafür, wie fehl Kommunikation im Unternehmen laufen kann.

Wie kommuniziere ich richtig als Führungskraft? Wie vermittle ich meinen Angestellten „schwierige“ Nachrichten? Wir verraten es Euch. Mithilfe von Dr. Marita Pabst-Weinschenk. Sie war über 20 Jahre lang freiberuflich tätig in Management und  Verwaltung, u.a. für das HERNSTEIN-Institut, Wien; daneben hat sie  sprechtherapeutisch gearbeitet und in der Ausbildung von Lehrer/innen  und Logopäd/innen gelehrt. Seit den 1990er Jahren ist sie maßgeblich  im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und  Sprecherziehung (DGSS) e. V. tätig. Seit 1999 betreut sie an der  Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf den Lehr- und Forschungsbereich  Mündlichkeit, leitet dort eine Prüfstelle der DGSS und ist seit 2011  wöchentlich bei hochschulradio düsseldorf 97,1 eine Stunde auf Sendung  rund um das Thema softskills.

Dr. Pabst-Weinschenk, ganz grundsätzlich: Kommunikation als (junge) Führungskraft. Wie muss die aussehen?

Marita Pabst-Weinschenk
Dr. Marita Pabst-Weinschenk ist Expertin im Bereich Kommunikation

Ich denke, dass wichtigste ist, dass man keine Show abzieht, vor allem nicht als junge Führungskraft. Es kann natürlich manchmal schwierig sein, sich als junger Chef zu beweisen und der Umgang mit älteren, erfahrenen Mitarbeitern ist nicht immer ganz einfach, aber während meiner Arbeit im Management-Bereich ist vor allem immer ein Eindruck hängen geblieben: Angestellte schätzen Offenheit und Authentizität.

Ehrlich sein und gleichzeitig das Bild der Autoritätsperson wahren – Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Das ist der Irrtum, dem viele Führungskräfte auflaufen. Keiner kann alles können, vor allem nicht zu Beginn. Ehrlich sein heißt, Schwächen preiszugeben – auch als Chef. Gleichzeitig sollte man sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, immer Position beziehen und diese auch begründen können.

Wie hätten Sie es an Stelle von Tuifly gemacht?

Wichtig ist, dass man erkennt, dass es manchmal besser ist, offen und ehrlich zu einer einsamen Entscheidung zu stehen. Wichtig ist aber als Führungsperson, dass man die Entscheidung auch richtig kommuniziert. Nicht direkt schriftlich oder durch die Presse, sondern psychologisch klug. Man kann „Gedanken aussäen“, indem man mit führenden Mitarbeitern „was wäre, wenn“-Fälle bespricht, dann kleinere Meetings einberuft und schließlich eine Überzeugungsrede in der Vergangenheitsform hält.

Wie sieht so eine Rede aus?

Die Struktur ist eigentlich immer wieder dieselbe und simpel:
1. Ich muss mein Gegenüber motivieren mir zuzuhören und mir sein Interesse sichern.
2. Ich schildere die Problemstellung klar und deutlich, stelle dar, wie wichtig es ist, für dieses Problem eine Lösung zu finden.
3. Dann gehe ich vor meinen Zuhörern alle Lösungsmöglichkeiten durch. Ich benenne die Möglichkeiten, von denen ich denke, dass sie mein Gegenüber im Kopf hat und sage im gleichen Zug, warum diese nicht infrage gekommen sind, schlage sie sozusagen k.o. Das alles mache ich in der Vergangenheitsform. Damit schaffe ich eine Perspektivübernahme und greife Vorschläge auf.

Ist das nicht reichlich Aufwand für eine Entscheidung, die sowieso bereits getroffen wurde?

Genau das hat sich wohl auch die Chefetage von Tuifly gedacht und womit stehen sie damit jetzt? Der Aufwand mag größer scheinen, aber es ist in keinem Fall vertane Zeit, so vorzugehen. Als Führungskraft ist es meine Aufgabe, unliebsame Entscheidungen zu fällen, die bei der Belegschaft nicht auf Zustimmung treffen. Gleichzeitig ist es meine Aufgabe meinen Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sie auch eine Rolle spielen. Bei einer Überzeugungsrede vermittle ich ihnen, dass ich mich mit ihren Positionen gründlich auseinandergesetzt habe. Das schafft Vertrauen.

Wie sieht es in kritischen Gesprächen aus? Zum Beispiel bei einer Kündigung.

In solchen Gesprächen wird meine Fähigkeit als guter Chef gefragt, meine Mitarbeiter zu kennen und gut einschätzen zu können. Gehen wir von einer Kündigung aus. Je nachdem ob es sich um einen sensiblen oder weniger verletzlichen Mitarbeiter handelt, muss ich mir als Führungskraft überlegen, ob ich einen persönlichen oder geschäftlichen Ton wähle. Dann ist es wichtig, dass ich nicht direkt konfrontiere, sondern damit beginne, offenen Fragen zu stellen. Ich sollte den Mitarbeiter viel Erzählen lassen. Vielleicht liegt die Problematik ja woanders, wer weiß? Vielleicht liefert er nicht mehr die gewünschten Ergebnisse, weil er faul ist, sondern weil seine Frau schwer krank ist? Dann beginne ich zu erzählen, was mir aufgefallen ist, und zwar in der Ich-Form.

Warum ist Kommunikation so wichtig?

Heute ist Kommunikation ein ganz entscheidender Aspekt, auch in der Wirtschaft. Damals war das Denken auf die Ökonomie beschränkt. Wie mache ich am schnellsten den größten Profit? Alles funktionierte nach dem Reiz-Reaktionsschema, weshalb Kommunikation Nebensache war. Heute ist das anders.

Wir sind eine Gesellschaft des Netzwerkens. Kommunikation ist bedeutend und trägt den Erfolg eines Unternehmens maßgeblich mit. Auch in der Wirtschaft muss mehr Wert auf zwischenmenschliche Prozesse gelegt werden, sonst kann es nicht funktionieren. Beispiel dafür ist, dass immer mehr CSR-Programme von der Bundesregierung gefördert werden.

Zu guter letzt: Ihr Rat für Young Professionals?

Übernehmt nicht die schlechten Bräuche eurer älteren Vorgänger, sondern seid mutiger in eurer Herangehensweise. Schafft als Autoritätsperson den Rahmen, aber bezieht Mitarbeiter mit ein, hört zu und fragt um Rat. Kommuniziert im Alltag: Merkt euch Gesichter, grüßt Mitarbeiter und stellt Fragen, zeigt in einer Rede auf dem Betriebsfest mit „Insidern“, dass die Belegschaft euch nicht fremd ist. Folgt euren eigenen Überzeugungen und redet nicht anderem nach dem Mund. Bezieht Stellung und schafft euch ein Profil und seid nicht die schlechte Imitation von den älteren Gurus aus der Chefetage.

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